Belletristik und Sachliteratur zu BDSM und mehr

Freitag, 12. Juni 2026

Fidos peinliche Verwandtschaft

 
»Wohin gehen wir?« wollte Hieronymus wissen.
»Zu meiner Familie«, entgegnete Fido.
Der Weg führte sie vom Wehrgang zur Vorstadt. Rechts von ihnen ragten die Masten der Schiffe im Hafen auf. Durch Gärten, vorbei an Einzelhäusern, ging es in Richtung des Meeres. Dies war das eher ärmliche Viertel der Fischer und der Räucherhütten und Salzfässer. Hier wurde Fisch getrocknet und zum Versand gebündelt. Man roch es.
Abseits von den Fischhäusern wanderten sie auf ein vereinzelt stehendes großes Holzhaus zu, das schon nah am Wasser lag. Dort waren noch ein paar Handwerker bei der Arbeit, die das letzte Licht nutzten, so schwach es auch war. Einer spaltete Holz für den Herd, ein anderer schnitzte etwas, auch mehr ahnend als sehend, was er tat. Als sie die Ankommenden erblickten, standen sie auf und gingen auf sie zu. Hieronymus blieb einen Schritt zurück, aber Fido legte von neuem seinen Arm um die Schulter seines neuen Freundes. »Dies ist Raptor Noctis, der kleine Bruder meines Vaters, und mein Vetter Belliabdico, der jetzt in Ladoga lebt und zu Besuch gekommen ist.« Hieronymus war verwirrt, natürlich verstand er sofort die Bedeutung dieser quasi lateinischen Namen – ‚ärgstes Küchenlatein‘, dachte er bei sich – denn der ‚Nachträuber‘ und der ‚dem Krieg Entsagende‘ ließen ihn zu keinem Schluss kommen, ob er es mit einer wilden Horde oder friedliebenden Philosophen zu tun hätte. Noch verwirrter war er, als Raptor Noctis auf Fido zutrat, ihm die Hand um den Nacken legte und ihn zu einem zärtlichen Kuss an sich zog, was sage ich, zärtlich? Das war ein inniges Verschmelzen, Lippen auf Lippen, eine kleine, hervorblitzende Zungenspitze, ein Kuss wie solche, bei denen selbst Verlobte sich nicht gern hätten ertappen lassen. Und zugleich streckte Belliabdico seinen Arm nach Hieronymus aus und schien ihn ebenso begrüßen zu wollen. Hieronymus wich ein paar Zoll zurück und fürchtete zugleich, den anderen zu beleidigen. Ohne den Kuss zu unterbrechen, streckte Fido seinen Arm aus und legte ihn an die Wange von Belliabdico. Sperrte ihm zugleich aber auch den Weg zu Hieronymus ab. »Ah, er kennt uns noch nicht?« murmelte Belliabdico. 
Hieronymus war immer noch verwirrt von dem Anblick, dass ein Onkel so seinen Neffen küsste.


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